Regelmäßig sterben in Fernsehkrimis weibliche (Neben-)Rollen, was nicht zwangsläufig für sie oder die Gesamthandlung die beste Lösung ist. Im Gegenteil, würden sie am Leben bleiben stiege die Chance, dass sie weniger stereotyp und einseitig sind, und gleichzeitig könnte der Krimi an Tiefe und Relevanz gewinnen – manchmal mehr, manchmal weniger.
Was wenn sie lebt? ist ein Ansatz, der sich sowohl an die Filmbranche als auch an Organisationen und Unternehmen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen richtet, und den ich in Keynotes und Impulsvorträgen aber auch in Workshops vorstelle.

Nurse Hathaway
Es hat immer schon Figuren gegeben, die laut Drehbuch sterben sollten, dann aber doch weiterlebten. Als Beispiel möchte ich eine Fernseh-Krankenschwester vorstellen.
Carol Hathaway, gespielt von Julianna Margulies, war Oberschwester in der US-amerikanischen Serie ER (deutsch Emergency Room – Die Notaufnahme).

In der Pilotfolge 24 HOURS (erstgesendet am 19.9.94) begeht Hathaway Suizid, und zwar klar und unwiederbringlich, sie nimmt die ,richtigen’ Medikamente, als Krankenschwester weiß sie, welche das sind.
Bei Testzuschauer:innen war Carol Hathaway sehr beliebt und sie reagierten negativ auf ihren Tod. Auch protestierten Krankenschwestern und -pfleger gegen den Selbstmord einer starken, selbstbewussten Krankenschwester im Fernsehen. Ausländische Käufer der Serie waren gegen den Tod, denn sie interessierte die Dynamik zwischen Nurse Hathaway und Dr. Doug Ross (George Clooney), der sehr emotional auf den Selbstmord reagierte (Quelle englisches Wikipedia).
Also wurde die Figur quasi wiedererweckt und Julianna Margulies festes Ensemblemitglied in den ersten sechs von insgesamt 15 Staffeln.
Die Frage #waswennsielebt. lässt sich insofern gut beantworten. Da Hathaway nicht starb konnte eine starke Frauenfigur entstehen, eine positive Identifikationsfigur für Krankenschwestern und -pfleger – viele nannten sie als Auslöser für den Berufswunsch. Und im Gegensatz zu mancher Kollegin in der Serie blieb Hathaway Krankenschwester und fing kein Medizinstudium an (dies wohl auch auf Betreiben von Margulies). Die Schauspielerin ist auch die einzige aus dem gesamten Cast von 15 Staffeln ER, die einen Prime Time Emmy gewonnen hat.
Tatort FACKEL: Adak und Hofer
Auf diesen Fernsehkrimi aus Frankfurt und zwei darin weggestorbene weibliche Figuren bin ich ausführlich in meinem Blogtext Was wenn sie lebt. vom 2 April 26 eingegangen. Die Rede war von
- Almila Adak (Seyneb Saleh). Selbstmord durch Selbstverbrennung. Und
- Andrea Hofer (Nadja Bobyleva). Vermutlich ermordet, vermutlich als Selbstmord getarnt, wird nackt in einer Badewanne voll Wasser und Blut gefunden.
Beide Figuren hinterlassen so wie sie geschrieben und inszeniert wurden ein unbefriedigendes Gefühl (Drehbuch Sebastian Heeg und Tom Schilling, Regie Rick Ostermann). Denn warum musste Adak, die als vehemente Kämpferin für Gerechtigkeit eingeführt wird, sich umbringen? Und warum musste Hofer, die durchweg als unsichere graue Maus gezeichnet war, so sterben?
Für beide Figuren habe ich in dem o.g. Blogtext aus dem Stehgreif jeweils sechs Alternativenden entwickelt. Was hätte passieren können oder müssen, damit sie nicht sterben? Es wird deutlich, dass durch eine Veränderung beider Figuren auch die Gesamtgeschichte verändert bzw. bereichert hätte.

Hamza Kulina und Almila Adak. Bild HR/ARD Degeto Film/Sommerhaus/Tatiana Vdovenko,
Almile Adak oder Andrea Hofer, Nadja Micoud (Maryam Zaree) im Polizeiruf 110: TATORTE vom 16.12.2018 oder Emmi Straub (Judith Hofmann) im Tatort MIKE & NISHA vom 9.11.2025 (siehe dazu auch „Ich hatten noch keinen Mordfall, der mich nicht bis nach Hause verfolgt hat“)…
Es gab und gibt immer wieder Fälle, in denen weibliche Nebenfiguren ermordet verschwinden. Aber wenn sie (weiter) leben haben sie die Chance, bunter, komplexer und relevanter zu werden, und mit ihnen die ganze Geschichte.
Sie wollen #waswennsieLEBT. kennen lernen?

In Keynotes und Impulsvorträgen verwende ich diese bzw. andere filmische Beispiele zur Veranschaulichung der Problematik und des Konzepts #waswennsieLEBT. Damit weise ich auch auf die immer wieder nachlässige Gestaltung insbesondere weiblicher Nebenfiguren in deutschen Fernsehkrimis hin und streife die Thematik der lapidaren weiblichen (oft jungen, oft nackten) Leichen.
In Workshops zu #waswennsielebt. erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit, selber kreativ zu werden und auszuloten, was für Möglichkeiten es geben könnte, mehr aus einer Figur und einer Geschichte zu machen – einfach dadurch, dass eine dahingeraffte Frau am Leben bleibt. Diese Workshops werden maßgeschneidert ausgerichtet, je nachdem, ob sie sich an Drehbuch-Studierende richten, Filmschaffende allgemein oder Interessierte aus anderen Branchen.